Polnisch

Komplex auf den zweiten Blick

Eigentlich ist es verhältnismäßig leicht. Eigentlich. Wer zwischen Polnisch und Deutsch übersetzt, profitiert davon, dass „beide Sprachen zu Präzision und Eindeutigkeit tendieren“, sagt Antoni Godwod, geboren in Warschau und seit zehn Jahren professioneller Übersetzer für Deutsch und Polnisch. In Sachen Eindeutigkeit seien die Sprachen der benachbarten Länder tatsächlich „Übersetzer-friendly“, findet er.

Vorsicht, Kontext!

Aber natürlich ist es dann doch nicht so einfach. „Wachsamkeit ist durchgehend erforderlich“, sagt Godwod und gibt ein Beispiel: „Auf ein Vorstellungsgespräch bei Ihnen freue ich mich sehr.” – eine klassische Phrase aus einem deutschen Bewerbungsschreiben. Wenn man diese nun direkt ins Polnische übersetzen würde, hätte das eine komische Wirkung, erklärt der Übersetzungsprofi: „Die Worte ‚sich sehr freuen’ sind im Polnischen in diesem Kontext keineswegs passend. Der polnische Leser erwartet hier mehr Zurückhaltung.“

Die Kunst, sprachliche Freiheiten zu nutzen

Um immer den richtigen Ton zu treffen und den ganzen Raum und die Kraft des Polnischen wirklich zu nutzen, braucht es für Übersetzungen Profis, die um die Feinheiten dieser Sprache wissen. Profis wie Godwod: „Obwohl die Struktur eines polnischen Satzes zu einer Subjekt–Verb–Objekt-Konstruktion tendiert, ist sie doch eher frei zu gestalten. In diesem Sinne ist Polnisch eine sehr plastische Sprache, in der man durch die Wortfolge im Satz einige Aspekte betonen oder stilistische Effekte erzielen kann“, erklärt er. Um diese Freiheiten zu nutzen und eine perfekte Lesbarkeit für polnische Leser zu schaffen, muss schließlich auch bei Deutsch-Polnisch-Übersetzungen kräftig umformuliert werden.

„Polnisch [ist] eine sehr plastische Sprache, in der man durch die Wortfolge im Satz einige Aspekte betonen oder stilistische Effekte erzielen kann.“
Antoni Godwod

Verzicht auf Personalpronomen für bessere Stilistik

Und es gibt auch zwischen Deutsch und Polnisch klassische Fallstricke. Wie die Personalpronomen. In gutem Polnisch fallen diese oft weg. Es ist etwas, für das man ein Gespür entwickeln muss, erklärt Godwod: „Unerfahrene Übersetzer machen oft den Fehler, dass sie alle Personalpronomen ins Polnische übertragen, was zwar grammatikalisch korrekt ist, aber zu einer Art ‚Entfremdung’ führt und stilistisch nicht gut klingt.“

Jede Menge Arbeit: Zusammensetzungen zergliedern

Eine weitere Herausforderung sind deutsche Wortzusammensetzungen, wie sie oft in Fachtexten vorkommen. Das geht bereits bei verhältnismäßig einfachen Konstruktionen wie „Insider-Tipp“ los. Weder das Wort noch die Zusammensetzung zweier Substantive in dieser Form gibt es im Polnischen. Godwod: „Eine mögliche Übersetzung wäre ‚osoba dobrze poinformowana’, was jedoch relativ lang und nicht für jeden Kontext passend ist.“ Noch schwieriger wird es bei Worten wie „Logistikfullfillment“, die im Polnischen „zergliedert“ werden müssen – und das kann lang werden: Für Logistikfullfillment käme beispielsweise die Übersetzung „obsługa zamówień logistycznych” infrage oder noch präziser: „kompleksowa obsługa zamówień w zakresie logistyki”. Wenn es an aus vier Komponenten zusammengesetzte Worte wie etwa „Schienengüterverkehrsaktivitäten” geht, wird es noch anspruchsvoller: „Solche Wörter müssen im Polnischen ‚zergliedert’ und mit Hilfsworten entsprechend ausgebaut werden“, erklärt Godwod.

Spannende Einflüsse & komplexe Verkleinerungen

Polnisch ist eine spannende Sprache – mit vielen interessanten Einflüssen: So wurden im 16. und 17. Jahrhundert etwa zahlreiche Lehnwörter aus dem Italienischen übernommen, viele Bezeichnungen von Gemüsesorten sind daher im Polnischen italienischen Ursprungs. So heißen etwa Tomaten – auf Italienisch „pomodori“ – auf Polnisch „pomidory“. Zugleich hat aber auch das Polnische seine komplizierten Seiten, etwa die sieben Fälle im Vergleich zu den deutschen vier. Oder die „Formbarkeit“ der Nomen, die sich zum Beispiel in zigfachen Verkleinerungsformen zeigt. Im Deutschen gibt es Hund und Hündchen, im Polnischen: „pies”, „piesek”, „psiak”, „psiaczek”, „psinka”, „psineczka”, „psiunia” – und mehr! Hier ist vom Übersetzungsprofi großes Sprachverständnis gefordert. Godwod: „Die passende Formulierung muss dem Kontext gemäß sorgfältig ausgewählt werden.“

Hohe Sensibilität für Sprache in Polen

Dies ist umso wichtiger, da es in Polen ein hohes Bewusstsein für Sprache gibt – ganz gleich, ob es sich um Marketing-Texte, Finanz- und Handelspapiere oder technische Dokumentationen und Bedienungsanleitungen handelt. Der Vater der polnischen Literatur, Mikołaj Rey, schrieb 1562: „Die Völker außerhalb aber sollen wissen, dass die Polen keine Gänse - sondern ihre eigene Sprache haben!“ Ein Satz, den jedes Kind in Polen bis heute in der Grundschule lernt. „Er zeugt von einer gewissen Sprachempfindlichkeit in der polnischen Kultur“, erklärt Godwod. Übersetzungen zwischen Polnisch und Deutsch müssen diesem Anspruch gerecht werden. Es ist also – wie befürchtet – dann doch nicht so leicht.

Antoni round

Antoni Godwod

Professioneller Übersetzer

Antoni Godwod wurde in Warschau geboren und ist seit zehn Jahren Übersetzer für Deutsch und Polnisch.

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